04.10.2026  /  Allgemein

Glanz in ihren Augen

Die Basketball Weltmeisterschaft in Berlin hält, was sie verspricht und wird für alle Beteiligten als Erfolg verbucht werden...

Team D übertrifft die Erwartungen, der Frauenbasketball als Ganzes zeigt begeisternden Sport auf höchstem Niveau und ist nun auch außerhalb der USA angekommen. Und auch die Berlin Arena und die Max-Schmeling-Halle bieten einen würdigen Rahmen für ein tolles Event. Mittendrin ist über das gesamte Turnier (mal ganz abgesehen von einer großen Anzahl an Freiburger Fans) Britta Daub, die im Glanz des Scheinwerferlichts auf der größten Bühne der Welt zeigt, dass sie dazugehört und das deutsche Team furchtlos antreibt. Zusätzlich unterstützt am Spielfeldrand Stefan Möller den hochkarätig besetzten Coachingstaff der deutschen Mannschaft und ist somit der zweite Eisvogel, der es zur WM geschafft hat. Und doch ist (noch) nicht alles Gold, was glänzt. Vor allem: inwieweit sich der Meilenstein für den deutschen Frauenbasketball auch positiv auf die Entwicklung der nationalen Liga und der Vereine auswirkt, wird abzuwarten sein.

Geschichte geschrieben

Das Turnier beginnt, wie es neun Tage später für die deutsche Mannschaft enden wird: mit einer herben Klatsche gegen Spanien. Kaum verwunderlich, bangt das deutsche Team doch bis kurz vor Beginn um seine Superstars. Leonie Fiebich ist dann fit, auch Nyara Sabally kann - wenn auch angeschlagen - am Turnier teilnehmen. Doch für ihre Schwester und Ex-Eisvogel Satou reicht es nicht. Eine Tragödie für ausgerechnet die Frau, die seit Jahren nicht nur das Aushängeschild des deutschen Frauenbasketballs ist, sondern die auch in der Vergangenheit bereits ihre Gesundheit für die Erfolge der Nationalmannschaft aufs Spiel gesetzt hatte. Eine Verletzung zu viel für Satou, für die das Turnier in ihrer Heimatstadt sicherlich der Höhepunkt ihrer Karriere gewesen wäre.

Spanien ist zum Auftakt zwei Nummern zu groß. Reality check also für Team D? Weit gefehlt, denn trotz des Sieges von Mali gegen Spanien und dem damit verbundenen Druck im zweiten Gruppenspiel gegen Japan, zeigen Frieda Bühner und Co. im Anschluss eine tadellose Leistung, gewinnen die folgenden Gruppenspiele und das ominöse Zwischenrundenspiel gegen Südkorea souverän und ziehen ins Viertelfinale ein. Dort wartet mit Belgien ein europäisches Schwergewicht auf das deutsche Team. Doch die Cats wirken erschöpft, Superstar Emma Meesseman kämpft und wurschtelt und trifft und der Glanz vergangener Tage blitzt hier und da auf, aber das deutsche Team erwischt einen Sahnetag, liefert das wohl beste Spiel der Geschichte des deutschen Frauenbasketballs ab und fegt mit 93:74 über den amtierenden Europameister hinweg. Sabally und Fiebich tragen das Team jeweils mit einem Double Double, doch die Ausgewogenheit in der Mannschaft überzeugt: gleich sechs Spielerinnen scoren zweistellig. Bestes Beispiel für die starke Performance der Deutschen: Marie Gülich, die nach schwerer Verletzung auf einem nicht für möglich gehaltenen Niveau Basketball spielt und oft in den richtigen Minuten Ruhe ins deutsche Spiel bringt, aber auch offensiv über das gesamte Turnier wichtige Akzente setzt.

Deutschland spielt sich in einen Rausch und zum ersten Mal geht auch die Berlin Arena voll mit. Als einziges Team, das den Umweg über die Zwischenrunde gehen musste, erreichen die Gastgeberinnen das Halbfinale.

Was fehlt zur Weltspitze?

Dass die verbleibenden drei Teams für die Macherinnen aber eine Nummer zu groß sind, dämmert auch dem hoffnungsvollsten Fan schon vor dem Halbfinale. Zu gering war die Gegenwehr in den vorherigen vier Spielen, die Deutschen sind auf die Physis der Französinnen nicht vorbereitet und verlieren ein ums andere Mal bereits im Ballvortrag die Kugel. Dazu kommt mit Gabby Williams die (Achtung: hot take des Autors) aktuell möglicherweise beste Spielerin der Welt, die zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise zu stoppen ist. 22 Punkte, 5 Rebounds, 5 Steals und 4 Blocks bei nur einem Fehlwurf aus dem Zweierbereich ebnen den Französinnen den Weg ins Finale. Die aktuell beste deutsche Spielerin, Leonie Fiebich, kämpft auch im Spiel um Platz drei aufopferungsvoll für das große Ziel, doch am Ende glänzen statt Medaillen nur die Tränen der Enttäuschung in den deutschen Gesichtern.

Denn, obwohl die deutsche Mannschaft in Berlin Geschichte schreibt, das Maximum aus dem Turnier holt und das historisch beste Ergebnis einfährt, hadern am Ende natürlich Fans und Spielerinnen mit dem vierten Platz. Was wäre gewesen, wenn Nyara Sabally im Vollbesitz ihrer Kräfte gewesen wäre? Sie erlöst Team D ein ums andere Mal in kniffligen Situationen, aber auch hier gilt natürlich: Gesundheit geht vor! Sabally läuft am Ende des Turniers auf der letzten Rille, muss die beiden Niederlagen meist von der Bank aus beobachten und fehlt deswegen in wichtigen Phasen auf dem court.

Das deutsche Team findet am finalen Wochenende trotz toller Entwicklung im Turnierverlauf nur selten line-ups auf dem Feld, die funktionieren. Frieda Bühner, Alex Wilke und Lina Sontag, die dem Team von der Bank tolle Impulse geben, verbringen zu viel Zeit auf ebenjener, defensiv wechselt das Team mehrfach die Strategie und findet das passende Mittel irgendwie nicht. Individuell fehlt in der Verteidigung die Athletik, um Spielerinnen wie Marine Johannes in Eins-gegen-Eins-Situationen verteidigen zu können. Und dann wäre da noch Alexis Peterson, die eingebürgerte Amerikanerin, die, wie bereits im olympischen Viertelfinale in Paris, in wichtigen Spielen indisponiert und unmotiviert wirkt. Ihre offensiven Akzente kompensieren das auffällige Defizit in der Verteidigung nicht – am Ende sind es andere, die im deutschen Team den Unterschied machen.

Frauenbasketball ist angekommen

Und doch steht am Ende ein tolles Turnier, sowohl von der deutschen Mannschaft als auch von den anderen 15 teilnehmenden Nationen. Das Turnier in Berlin hat gezeigt, dass Frauen Basketball auf höchstem Niveau spielen und dass Zuschauen Spaß macht. Und die Welt hat zugeschaut: über 236 000 verkaufte Eintrittskarten sind ein neuer Rekord für eine Weltmeisterschaft. Auch die Berichterstattung und mediale Aufmerksamkeit dringt in neue Sphären vor: Zuschauer*innen zu Hause können sich nun überlegen, ob sie gerne Sunny bei Pro7 oder Per und Ireti bei MagentaSport lauschen wollen. Vor allem die Max-Schmeling-Halle wird zum Hexenkessel, ausverkauftes Haus und grandiose Stimmung von deutschen, italienischen, belgischen und französischen Fans. Das Programm vor und in der Halle begeistert das vor allem junge und weibliche Publikum, die Menschentrauben am Spielerinnenausgang wachsen von Tag zu Tag, Autogramme und Fotos mit den Stars sind heiß begehrt. Die Veränderung in der Wahrnehmung zeigt sich auch daran, welche Personen am Feldrand auf den courtside Plätzen zu finden sind: dort tummeln sich in Berlin neben Altstars aus der Basketballszene vor allem Internetpersönlichkeiten, die die meiste Zeit am Handy verbringen – vermutlich um den neusten content zu createn.

Wut in ihren Augen

Nachdem Generationen von Nationalmannschaften in der Bedeutungslosigkeit versumpften, bekommen die Frauen nun endlich das, was sie verdienen. Anerkennung und Aufmerksamkeit, eine angemessene Bühne, aber vor allem auch vernünftige Strukturen beim DBB, der die Frauen viel zu lange links liegen gelassen hat. Wie ambivalent die Stars der vergangenen Tage mit dem neuen Hype umgehen, lässt sich vor allem bei Ireti Amojo gut beobachten. Die ehemalige Nationalspielerin, die übrigens zu ihrer aktiven Zeit mit dem Herner TC mal einen Gamewinner in der Freiburger Unihalle traf, ist inzwischen sowohl als Kommentatorin und Expertin bei MagentaSport vor der Kamera als auch als Vorsitzende des Vorstandes der AG 1 DBBL direkt für die zukünftigen Geschicke der nationalen Liga verantwortlich. Im MagentaSport Podcast wird Amojo auf ihre Zeit in der Nationalmannschaft angesprochen. In einem kurzen Moment verliert die ansonsten so fröhliche Berlinerin beinahe die Fassung und zeigt dann eindrücklich, wie viel Wut und Frust sich über Jahre bei den Frauen, die Deutschland ein ums andere Jahr im Sommer repräsentiert haben, angestaut hat. Auf die im Grunde wohl eher rhetorische Frage, - natürlich gestellt von einem ahnungslosen Mann - ob denn die Frauen die fehlende Unterstützung in den Jahren vor dem beginnenden Hype im Frauenbasketball gespürt hätten, und was sie darüber denken würde, muss Amojo erst tief durchatmen, bevor sie reflektiert, aber schonungslos davon berichtet, wie sehr sich die Ungerechtigkeiten dieser Jahre in ihr Gehirn gebrannt haben. Und so findet einer der eindrücklichsten Momente dieser Weltmeisterschaft nicht auf dem Parkett statt, sondern in der Talkrunde mit kleinem live-Publikum zum Start des Turniers.

Dass hier alles work in progress ist und noch ein gutes Stück Weg gegangen werden muss, zeigt sich in vielen Momenten. Da stolpern sowohl TV-Experte Per Günther als auch der Hallensprecher über den Namen von US-Superstar Paige Bueckers; eine Tatsache, die es wohl im Herrenbasketball nicht geben würde. Fürs Protokoll: Es heißt weder /Bjuker/ noch /Backers/ sondern /Beckers/. Und auch in der Berichterstattung beginnen die Artikel über die WM oft mit der Information, dass irgendein Spiel “unter den Augen von Dirk Nowitzki” stattgefunden habe, oder dass Dennis Schröder auch brav “über einen Sieg der Deutschen gejubelt” habe. Dass daneben Svenja Brunckhorst, Sonja Greinacher, Alina Hartmann, Sue Bird und Marlies Askamp gesessen haben, fällt unter den Tisch.

Doch trotz alledem lässt sich nicht nur bei Ireti Amojo, sondern auch bei den anderen zahlreichen ehemaligen Nationalspielerinnen, die in Berlin die Spiele verfolgen, immer wieder große Freude und Begeisterung im Gesicht ablesen. Denn trotz des Frusts der vergangenen Tage können auch Steffi Wagner, Katharina Fikiel und Co. dieses Turnier genießen. Auf (natürlich private) Initiative der ehemaligen Nationalspielerin Alex Shaw hin trafen sich rund 70 Alumni zu einem fröhlichen Wiedersehen – sogar das DBB-Präsidium ließ sich blicken, und auch wenn die Getränke irgendwann alle waren, ging die Rechnung wohl immerhin auf den Verband. Small steps for womankind.

Wie geht's weiter?

Die Weltmeisterschaft wird zweifellos ihre Spuren hinterlassen und im Frauenbasketball die bereits positive Entwicklung weiter vorantreiben. Doch inwiefern sie sich auch auf die Bundesligen und ihre Vereine auswirken wird, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass sich die Hoffnung, bis zum Turnier eine professionelle, gefestigte Liga zu etablieren, bei der neu gewonnene Fans oder potenzielle Sponsoren nahtlos an die user experience der WM anknüpfen können, zerschlagen hat. Das aktuelle Produkt ist (natürlich abgesehen vom Sportlichen) vor allem hinsichtlich Livestream und Hallenlogistik meilenweit vom gewünschten Standard entfernt. Es darf gehofft werden, dass trotzdem mehr Leute in den Hallen und vor den Computern sitzen werden, wenn im Herbst Emma Eichmeyer, Alex Wilke und Britta Daub wieder in den lokalen Schulturnhallen ihre Extraklasse zeigen. Denn die drei sind immerhin die einzigen Spielerinnen aus dem aktuellen Kader, die in der DBBL auflaufen. Eine weitere zentrale Frage ist, wie die DBBL Eigengewächse halten und fördern kann, um auch in Deutschland eben diese Vorbilder zu haben, die die Gesichter der Liga sein können, Kinder begeistern und gleichzeitig in Deutschland ihr Potenzial ausschöpfen können.

Vor allem darf aber auch gehofft werden, dass Ireti Amojo in ihrer neuen Funktion das gelingt, woran ihre Vorgänger in den vergangenen Jahren gescheitert sind. Eine echte Veränderung anzustoßen und die Liga nachhaltig voranzubringen. Sie scheint die perfekte Frau für diesen Job zu sein. Man wünscht sich, dass es ihr gelingt.

Und bis es so weit ist, werden alle Freiburgerinnen und Freiburger, die es nicht nach Berlin zur WM geschafft haben, auch fortan in den Genuss kommen, Britta Daubs Dribbelkünste hautnah zu erleben. Denn die frisch gebackene Nationalspielerin wird auch in dieser Saison die Eisvögel gewohnt sicher übers Parkett führen. Was nämlich bei all dem internationalen Trubel nicht untergehen soll: die Göttingerin, die bereits in ihre vierte Saison bei den Eisvögeln geht, hat eine tolle WM gespielt! Als einzige Spielerin, die zuvor noch bei keinem großen Turnier mit dabei war, übernahm sie bereits im zweiten Gruppenspiel eine Position in der starting five und gab diese auch nicht mehr her. Die Frau, die eigentlich ungern im Rampenlicht steht, bestach auch auf dem Spielfeld weniger durch Highlights, sondern wie gewohnt durch harte Arbeit in der Defensive, absolute Ballsicherheit (nur drei turnover in sieben Spielen bei gleichzeitig über zwei Assists pro Spiel) und vor allem durch ihre positive Art und ihre leadership Qualitäten, von denen mit Sicherheit auch die Eisvögel in diesem Jahr sehr profitieren werden!

Text: Robert Leichter

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